2. Ärmel hoch krempeln und machen

Helmuts Vorstellung war es, die nächsten 15 Jahre weiterhin zu melken. Somit könnten wir, Dirk und Bärbel, das ursprüngliche Leben weiterleben und unseren Job nachgehen!

Vorstellung und Realität klaffen aber oft auseinander. Nachdem wir einen Einblick ins Haus und in die einzelnen Räumen bekommen hatten, traf uns ein Blitzschlag!

Die Realität war brutal, gepaart von Ratten die sich nicht nur auf dem Hof befanden! Diese Tiere waren sogar fast handzahm und kamen pünktlich gegen 18 Uhr zur Fütterung in den Stall! Man hätte sie sogar fast streicheln können. So viele Ratten hatten wir noch nie auf einen Haufen gesehen.

Man sagt ja, wenn man eine Ratte sieht, sind 10 weitere Ratten vorhanden! Grob überschlagen haben wir 100 Ratten gesehen 🫣! Ein Rattenpaar 🐀 schafft es auf 600 Kinder pro Jahr 😬! Auch eine Strategie zur Arterhaltung.

Ich selber stand in der Küche und fing an zu weinen. Wo sollte man nur anfangen? Überall Müll und Unrat und das nicht von den letzten zwei Jahren eher von 20 Jahren.

Altbauer Helmut hatte sich überwiegend von Cola und Milchreis ernährt. Ein echter Überlebenskampf von einem Menschen, dem sein einziger Wunsch es war und ist, dass dieser Hof am Leben erhalten bleibt.

Sein Schlafzimmer entlockte mir weitere Tränen. Wie armselig. Das bleibt einem Menschen vom Leben, der fast 80 Jahre hart und viel gearbeitet hat.

Wir alle wissen, dass Tränen einen im Leben nicht voran bringen. Also krempelten wir unsere Ärmel hoch und fingen an! In der Küche, mit der ersten Schublade. Für das Schlafzimmer des Altbauers kauften wir erstmal frische Bettwäsche und kuschelige Decken!

Gemeinsam mit Helmut fingen wir an, alles zu entsorgen. Was kaputt und nicht verwertbar war, kam auf den Entsorgungshof. Er hatte Anziehsachen, die zum Teil einfach völlig abgenutzt und durchlöchert waren. Ich habe sie nicht einfach entsorgt, sondern mit ihm zusammen, haben wir jedes Teil in die Hand genommen und entschieden 👍 oder 👎!

Als er die ersten frischen Hemden und Pullover hatte, hat er sich auch freiwillig von den alten Sachen trennen können!

Das Haus war kalt, die Heizung war aus. Der einzige warme Raum war die Küche! Dort stand ein Ölradiator, der den Raum etwas Wärme schenkte! Da kein Geld 💰 vorhanden war, hatte er somit kein Heizöl. Also kauften wir erstmal Heizöl, denn frieren ist keine Option. So wurde es schon etwas behaglicher im Haus.

Dirk schuftete draußen und drinnen. Er trug den Müll zusammen und fuhr mit Helmut regelmäßig zum Entsorgungshof.

Wir fuhren nun täglich von unseren Mobilheimplatz, wo wir zuvor gewohnt haben, morgens zum Hof und am späten Abend wieder zurück. An den meisten Tagen haben wir mehr als 12 Stunden am Hof mit arbeiten verbracht! Abends waren wir oft so müde, dass wir uns nur schnell geduscht haben und dann direkt müde ins Bett gefallen sind.

Auf dem Hof war, kurz bevor wir dauerhaft da gewesen sind, ein Kälbchen geboren, welches noch keine Ohrmarke hatte. Sie war so niedlich. Von Ohrmarken hatten wir auch keine Ahnung, wussten jedoch, dass es wichtig ist, dass die Tiere gekennzeichnet werden. Also schauten wir uns YouTube Videos an, fragten den Tierarzt nach der Verwendung der Ohrmarkenzange, fanden die richtigen Nummern.

Das kleine Kälbchen, welches wir „Milka“ tauften, war das einzige Kälbchen zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof.

Helmut erklärte uns, wie wir nun das Kälbchen fesseln müssen 🙈, damit wir ihr die Ohrmarken setzen können.

Wenn wir heute darüber nachdenken schütteln wir uns vor lachen! Die arme Milka. An dem Tag wollte sie wirklich nichts mehr von uns wissen. Nach einem Tag war sie uns wieder wohl gesonnen und wir fingen an mit ihr spazieren zu gehen. Es gefiel ihr gut!

Noch heute kommt Milka aus der Herde, wenn wir sie rufen. Inzwischen hat Milka auch schon ein Baby bekommen. „Hui Bu“ heißt er und Milkas Patin Kerstin war sogar in der Nacht bei uns, damit sie die Geburt miterleben konnte.

Als Milka noch jünger war und mit den neuen Rinder als Fresser (Jährling) auf der Weide stand, bekamen wir Sonntags morgen beim Frühstück einen Anruf.

Die TIERE SIND AUSGEBROCHEN!

Da wurden wir aber schnell! Schnappten uns ein paar Brote vom Tisch und fuhren los. Milka und ihre Freunde standen an der Straße!

Ich rief Milka auf die Weide, aber da lag der kaputte Stacheldraht auf der Erde. Der war so gefährlich, dass sie auch nicht darüber steigen wollte. Sie war die Leitkuh der Herde. Dirk schnitt den Draht durch und Milka kam brav wieder zurück auf die Weide.

Der Besitzer der Weide war erstaunt! Alles hat er in all den vielen Jahren erlebt, aber dass ausgebrochene Kühe so brav hinter her kommen, das war für ihn sensationell. Er hatte schon eine wilde Verfolgungsjagd im Kopf , mit Abschuss der Tiere. Auch das gab es zu Helmut Zeiten.

Vertrauensarbeit zahlt sich jedoch aus, auch wenn uns zuvor alle belächelt haben, als wir damals mit der kleinen Milka spazieren gegangen sind.

1 Kommentar

  1. Avatar von Steffi Steffi sagt:

    Bitte schreib weiter, auch wenn ich Eure Entwicklung am Rande miterlebt habe, ist es interessant das Alles aus Eurer Sicht zu lesen

    Gefällt 1 Person

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